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8. März 2021
Redaktion
Interview

Das Handwerk braucht seine ausgebildeten Fachkräfte selbst

Arbeitnehmer, die im Handwerk ausgebildet wurden, haben gute Chancen, in anderen Wirtschaftsbereichen mit besseren Angeboten unterzukommen. Gleichzeitig sinkt der Anteil an handwerkstreuen Gesellinnen und Gesellen. Was bedeutet dies für das Handwerk?
Foto: goodluz/Adobe Stock
Im Handwerk ausgebildete Kräfte sind in Industrie und Handel gefragt. Aber das Handwerk hat auch Trümpfe in der Hand.

„Bundesweit wandern im Laufe ihres Berufslebens zwei Drittel aller Beschäftigten aus dem Handwerk ab, die dort einmal ausgebildet worden sind“, weiß Nicole Hoffmeister-Kraut, Baden-Württembergische Wirtschaftsministerin. Die Konkurrenz um gut ausgebildete Fachkräfte ist also groß. Viele der abgewanderten Gesellen und Meister seien inzwischen in besonders innovationsstarken Branchen tätig. Darauf weist Dr. Jörg Thomä, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk (ifh) an der Universität Göttingen, in seiner Studie „Handwerksunternehmen und handwerkliche Qualifikationen – empirische Hinweise zur Rolle des Handwerks im Innovationssystem“ hin. Besonders in der forschungsintensiven Industrie übten sie häufig komplexe Experten- und Spezialistentätigkeiten in innovativen Arbeitsumgebungen aus. Wie das Handwerk als Fachkräftezubringer funktioniert und wie Handwerk der Abwanderung entgegensteuern kann, erläutert Dr. Jörg Thomä im Mappe-Interview.

 

„Dem Handwerk muss es gelingen, sich als attraktiver Ausbilder zu präsentieren.“

Mappe: Herr Dr. Thomä, das Handwerk fungiert nach wie vor als Fachkräftezubringer für andere gewerbliche Bereiche. In welcher Dimension und in welchen Bereichen hauptsächlich?

Jörg Thomä: Ja, das Handwerk kann weiterhin als ein »Ausbilder der Nation« bezeichnet werden. Im Lauf der Zeit hat diese volkswirtschaftlich wichtige Zubringerfunktion zwar an Bedeutung verloren, die Bedeutung des Handwerks für die Integration von geringer qualifizierten Personen in den Arbeitsmarkt hat dagegen zugenommen. Nach wie vor wandert jedoch noch jedes Jahr ein beträchtlicher Teil der im Handwerk ausgebildeten Fachkräfte in die Industrie oder den Dienstleistungsbereich ab.

Mappe: Wie stark ist das Interesse der Industrie und des Handels an handwerklich ausgebildeten Azubis und aus welchen Branchen ist die Nachfrage am größten?

Jörg Thomä: Das Interesse seitens Industrie und Handel ist traditionell hoch. Eine duale Erstausbildung im Handwerk hat den Vorteil, dass sie auf eine breite Anwendbarkeit hin ausgerichtet ist. Die Jugendlichen sammeln in ihrer Ausbildungszeit Erfahrungen in einer Vielzahl von praktischen Bereichen. Diese entfalten auch in handwerksfremden Anwendungsfeldern oft schnell ihren Nutzen. Gleichzeitig ist dies natürlich besonders in solchen Branchen der Fall, wo Industrie und Handwerk sehr nah zueinander sind, also zum Beispiel in den Bereichen Metallbearbeitung, Maschinenbau und Betriebstechnik, Fahrzeugtechnik und Energie- und Elektrotechnik. Dort sind Qualifikationen aus dem Handwerksbereich weiterhin gefragt. Eine spannende Frage ist hier, ob sich dies in Zukunft ändern wird. Die Akademisierung verändert ja auch in der Industrie die Qualifikationsanforderungen, was auch auf die bisherigen Rekrutierungswege Auswirkungen haben könnte.

Mappe: Welche Rolle spielt die Übernahmequote von Azubis im Handwerk? Bildet das Handwerk ohnehin über den Bedarf aus?

Jörg Thomä: Die Übernahmequote hat eine hohe Bedeutung. Die starke Abwanderung aus dem Handwerk war für das Handwerk aufgrund der handwerkstypischen »Ausbildung über eigenen Bedarf« lange Zeit kein Problem. Die inzwischen bestehenden Nachwuchsprobleme haben jedoch dazu geführt, dass sich die Betriebe hierauf nicht länger ausruhen können. Inzwischen ist ja oft das Gegenteil der Fall: Ausbildungsplätze können nicht mehr oder nur unter großen Schwierigkeiten besetzt werden. Handwerksbetriebe sollten sich daher frühzeitig überlegen, wie sie ihre Azubis langfristig an sich binden können. Denn aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass frühzeitig gemachte Übernahmeangebote großen Einfluss auf die Entscheidung von jungen Ausbildungsabsolventen haben, im Handwerk zu bleiben oder in andere Wirtschaftsbereiche abzuwandern.

Mappe: Die Automobilindustrie verliert seit Jahren und jetzt in der Corona-Pandemie verstärkt an Attraktivität als Arbeitgeber. Was bedeutet das für das Handwerk?

Jörg Thomä: Hieraus können durchaus Chancen für das Handwerk resultieren. In Regionen mit Automobilstandorten kann sich das Handwerk als Beschäftigungsalternative präsentieren. Die Handwerkskonjunktur blieb in den wirtschaftlich unruhigen Zeiten der vergangenen Jahre ja sehr robust. Zusätzlich zur bereits vorhandenen Fachkräfteknappheit führte dies dazu, dass Jobs im Handwerk gerade sehr sicher sind. Auch wenn das Handwerk bei den Löhnen kaum mithalten kann, gilt es daher für die Betriebe, die Attraktivität der Arbeitsbedingungen im Handwerk am Arbeitsmarkt zu kommunizieren, damit junge Handwerker gar nichts erst abwandern, bereits abgewanderte Fachkräfte womöglich ins Handwerk zurückkommen oder junge Menschen sich von vornherein bewusst für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden.

Mappe: Wie wirkt sich die Pandemie im Hinblick auf die Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Handwerk in andere Wirtschaftsbereiche generell aus?

Jörg Thomä: Bei der Erforschung der Corona-Folgen stehen wir erst am Anfang. Grundsätzlich ist es sicher so, dass in Krisenzeiten wie der jetzigen, die Bereitschaft unter Arbeitnehmern, ihre Stelle zu wechseln und etwas Neues auszuprobieren, rein aus Risikoerwägungen heraus begrenzt ist. Man darf jedoch auch nicht vergessen, dass das handwerkliche Abwanderungsphänomen starken konjunkturellen Einflüssen unterliegt. Wenn die Industrie boomt, dann zieht das naturgemäß viele Arbeitskräfte aus dem Handwerk aufgrund attraktiver Angebote an. Aktuell ist eher vom Gegenteil auszugehen. Aus Untersuchungen des ifh Göttingen wissen wir, dass das Handwerk gerade in konjunkturellen Krisenzeiten als Beschäftigungsstabilisator fungiert, weil möglichst lange an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter festgehalten wird. Das wissen die Handwerksbeschäftigten zu schätzen.

 

Foto: privat
Sieht das Handwerk nach wie vor als Zubringer für Fachkräfte: Dr. Jörg Thomä.

Mappe: Gibt es Überlegungen, Industrieunternehmen oder den Handel, die von den Ausbildungsleistungen des Handwerks profitieren, zu verpflichten, diese Leistung zu honorieren?

Jörg Thomä: In der Volkswirtschaftslehre spricht man in diesem Zusammenhang von der Internalisierung externer Effekte, also die Berücksichtigung dieses Zusatzeffekts im Wirtschaftlichkeitskalkül des Verursachers. Konkret geht es damit um die Finanzierung der beruflichen Bildung im Handwerk. Hier wird ja von Seiten der handwerklichen Interessenpolitik oft kritisiert, dass eine Ungleichbehandlung gegenüber der akademischen Bildung vorliegt, welche im Wesentlichen ja kostenfrei zur Verfügung steht. Eine stärkere öffentliche Förderung der beruflichen Bildung im Handwerk würde also auf die von Ihnen erwähnte Honorierung der handwerklichen Ausbildungsleistung hinauslaufen.

Mappe: Wie beurteilen Sie die Aussage, dass das Handwerk Azubis ausbildet, weil sich dies für den Betrieb bereits während der Ausbildung rechnen würde und eine Abwanderung daher nicht so gravierend sei?

Jörg Thomä: Das wäre zu kurz gedacht. Es mag sein, dass im Handwerk aufgrund der dortigen Gegebenheiten die Kosten-Nutzen-Relation während der Ausbildungszeit günstiger ausfällt als z.B. im Bereich Industrie und Handel. Hieraus zu schlussfolgern, dass eine Abwanderung nicht so gravierend sei, halte ich jedoch für falsch. Erstens dürften auch im Handwerk im Durchschnitt die Kosten der Ausbildung die durch produktive Leistungen der Azubis generierten Ausbildungserträge übersteigen – wenn auch in geringerem Maße als z.B. in der Industrie. Zweitens rechnet sich eine Ausbildung auch im Handwerk rein ökonomisch vor allem durch die Übernahme ehemaliger Auszubildender und deren Weiterbeschäftigung als qualifizierte Fachkraft. In Zeiten von Fachkräfteknappheit und Nachwuchssorgen fällt dieser »längerfristige Ausbildungsnutzen« für den Betrieb umso höher aus.

Mappe: Laut der Studie »Azubi-Recruiting Trends 2020« sind bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs der gute Ruf als Ausbildungsbetrieb, die Übernahmequote, die Wohnortnähe und eine überdurchschnittlich hohe Ausbildungsvergütung die ausschlaggebenden Kriterien. Wie bewerten Sie diese Ergebnisse?

Jörg Thomä: Aus Sicht des Handwerks grundsätzlich positiv! Es ist doch so, dass das Handwerk traditionell am Ausbildungsstellenmarkt das Nachsehen hatte, weil die dortigen Kleinbetriebe bei den Verdienstmöglichkeiten gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen oft weniger mithalten können. Wenn unter jungen Nachwuchskräften inzwischen nicht-monetäre Motive für die Wahl des Ausbildungsbetriebs eine größere Rolle spielen, ist das erst einmal gut für das Handwerk. Voraussetzung ist natürlich, dass es dem Handwerk gelingt, sich als attraktiver Ausbilder zu präsentieren, also die Attraktivität und Qualität der eigenen Ausbildungsangebote aus Sicht von (potenziellen) Auszubildenden weiter sicherzustellen bzw., da wo es angezeigt ist, noch zu verbessern.

Mappe: Fachkräfte, die eine Weiterbildung zum Meister, Techniker oder Fachwirt absolvieren, haben laut einer ifh-Studie Ihrer Kollegin Dr. Haverkamp signifikant höhere Verbleibswahrscheinlichkeiten. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) beschreibt, dass Fortbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen hülfen, einer möglichen Abwanderung entgegenzusteuern. Was können solche Maßnahmen tatsächlich bringen?

Jörg Thomä: Es ist auf jeden Fall ein Weg in die richtige Richtung. Die Maßnahmen sind prinzipiell geeignet, um die Anreize zur beruflichen Fortbildung zu verbessern. Man muss abwarten, was es tatsächlich bringt. Im Idealfall wird dies zum gegebenen Zeitpunkt wissenschaftlich untersucht. Ähnliches passiert gerade im Rahmen eines Projekts am ifh Göttingen, in dem wir die tatsächliche Wirkung von Meisterprämien und Meistergründungsprämien untersuchen.

Mappe: Ganz grundsätzlich: Wie kann das Handwerk der Abwanderung von Fachkräften entgegensteuern, was raten Sie den Handwerksorganisationen und den einzelnen Betrieben?

Jörg Thomä: Ganz grundsätzlich gilt es, die Marke »Handwerk« am Ausbildungsstellen- und Arbeitsmarkt weiter zu stärken und auszubauen. Es gilt die Vorteile einer Tätigkeit im Handwerk klar zu kommunizieren. Heutzutage können sich Arbeitskräfte immer häufiger zwischen den attraktivsten Arbeitgebern entscheiden. Und dabei geht es eben nicht nur um die Höhe der Entlohnung, sondern auch um die Gestaltung von Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Hinsichtlich dieser Arbeitgeberattraktivität ist sicher auch im Handwerk noch Luft nach oben. Gelingt dies auf Seiten der Betriebe unter Unterstützung der Handwerksorganisation, dann überlegt es sich die eine oder andere Fachkräfte mit der Abwanderung mindestens zweimal.

Dieses Interview erschien in gekürzter Form in der Printausgabe der Mappe 03/2021.

Foto: manuta/Adobe Stock
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