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28. April 2023
Redaktion
Slow Living

Weniger ist mehr

Slow Living bedeutet wörtlich übersetzt „langsam leben“ und bezeichnet eine Lebenshaltung, die nicht nur das Wohnen, sondern alle Bereiche unseres Lebens umfasst. Doch was steckt genau dahinter? Woher kommt dieser Begriff, was bedeutet er für unser Leben und Wohnen und was fängt schließlich das Malerhandwerk damit an?
Foto: shuruev/Adobe Stock
Slow Living im Wohnbereich bedeutet eher dezente Farben und schlichte Möbel in Kombination mit natürlichen und qualitätvollen Materialien.

Im Zentrum des Lifestyles Slow Living steht Langsamkeit und Entschleunigung sowie Natürlichkeit, Bewusstsein und Reduzierung in allen Bereichen des Lebens – im Alltag, beim Konsum und in den eigenen vier Wänden. In Buchläden ist der Begriff auf Covern zu lesen und viele Shops bieten im Internet Produkte unter dieser Überschrift an. Entsprechend werden hier zum Beispiel Möbel oder Accessoires in schlichtem Design und aus natürlich gefertigten Rohstoffen angeboten, die eine Wohlfühlatmosphäre für das Zuhause versprechen. Auch für Maler*innen gibt es aktuell Produkte unter dieser Überschrift, so trägt beispielsweise eine Tapetenkollektion diesen Namen. Wie hat sich dieser Lifestyle entwickelt?

Sehnsucht nach Entschleunigung

Das Gefühl zu haben, schnell noch etwas erledigen zu müssen, selbst wenn scheinbar alles abgearbeitet ist – Stress ist allgegenwärtig, ob auf der Arbeit oder im Privatleben, ständig muss alles flexibel unter einen Hut gebracht werden. Dabei hat die Geschwindigkeit zugenommen und mit fortschreitender Digitalisierung und permanenter Erreichbarkeit bleibt kaum noch Zeit für Pausen und Erholung. Es ist also nicht verwunderlich, dass viele Menschen als Reaktion darauf ihr Leben in ruhigere Bahnen lenken möchten. So entwickelte sich bereits in den letzten Jahren eine Bewegung, die Langsamkeit, Bewusstheit und Achtsamkeit in den Mittelpunkt stellt – abseits von Stress und Konsum finden sich Begriffe wie Slow Food, Slow Travel, Slow Work, Slow Wood und eben Slow Living. Generell geht es darum, einen Gang herunterzuschalten und sich mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu nehmen. Diese Lebensphilosophie ist immer wieder gefragt und aktueller denn je.

S.L.O.W.

Alltägliches wahrnehmen

Die Kulturwissenschaftlerin Wendy Perkins und der Politologe Geoffrey Craig haben sich bereits in ihrer Publikation von 2006 „Slow Living. Langsamkeit im globalen Alltag“ mit der Bedeutung der Bewegung auseinandergesetzt. Zwar spiele die Entschleunigung eine elementare Rolle, viel wichtiger sei jedoch die Wahrnehmung von Alltag und Gegenwart, so ist es auf stressbehandlung.info zu lesen. Ein besonderes Augenmerk liege dabei auf der global organisierten Ernährungsbewegung Slow Food: Im Wesentlichen sei Slow Living die Ausdehnung der Philosophie von Slow Food auf alle Lebensbereiche, erläutern die beiden Autoren. 1986 begründete Carlo Petrini in Italien die Slow-Food- Bewegung. Sie richtet sich bis heute gegen das Überangebot und die Schnelllebigkeit in der globalen Lebensmittelindustrie. Im Kern bestehe langsames Leben in dem Versuch, das heutige Lebenstempo so zu verändern, dass dem Alltagsleben mehr Zeit gewidmet werden könne, ist im Klappentext des Buches von Parkins und Craig zu lesen.

Räume im Slow Living-Lifestyle fühlen sich zwar modern, aber nicht kühl an.

Frank Kudraß
Maler Kudraß, Farbe.Fläche.Form in Emsdetten

Strukturiert und bewusst leben

Auf den Alltag nehmen auch Nathan und Katie Willams in dem von ihnen 2011 gegründeten Lifestylemagazin Kinfolk Bezug, das sich vor allem dem Thema Slow Living widmet. „Durch einen strukturierten Alltag soll mehr Zeit übrig bleiben für die schönen Seiten des Lebens“, ist es im Lifestyle Blog der Schweizerin Sarah Neuhaus über Kinfolk zu lesen.

Foto: Farrow & Ball
Zum Trend von Slow Living passt Ordnung. Denn in einem aufgeräumten Zuhause lässt es sich besser entspannen.

„In ihrem Magazin zelebrieren sie gemeinsame Essen mit guten Freunden, das einfache, aber stilvolle Leben und den Hang zu Lieblingsstücken, die einem ein positives Gefühl vermitteln. (…) Sie raten dazu, bewusst einen Gang herunterzuschalten, sich vom Online-Leben zeitweise abzuwenden und sich grundsätzlich nur mit Dingen zu umgeben, die einen glücklich machen“, fassen es die Autoren von My Green Home in der Ausgabe 2/2019 zusammen. Ziel ist Entschleunigung und damit die Möglichkeit, Routinen bewusst zu erleben sowie den Alltag genussvoll und durchdacht zu gestalten. Dabei spielt das eigene Zuhause eine große Rolle.

Das Zuhause als Herz unserer Werte

Auf das Zuhause nimmt Nathan Williams noch einmal in seinem Buch „The Kinfolk Home. Interiors for Slow Living“ von 2015 Bezug: „In unseren Wohnräumen sollten wir das Wesentliche im Leben ausloten und versuchen, es in unser Umfeld zu integrieren. (…) Ein Haus sollte das Herz, den Kern und das Fundament unserer Werte widerspiegeln – alles, was uns hilft, unserem Innersten näher zu kommen. Denn beim Slow Living geht es nicht um einen bestimmten Stil, sondern um unsere ganz persönliche Auffassung davon. Unsere Wohnräume sollten wir so gestalten, dass sie ihren jeweiligen Funktionen für uns entsprechen, nicht umgekehrt.“ Auf welche Weise aber kann das in den eigenen vier Wänden realisiert werden?

Foto: Hamberger Flooring / Haro
Dielen aus dem natürlichen Material Holz tragen dazu bei, dass sich eine ruhige und gemütliche Atmosphäre entfalten kann.

Reduziert, natürlich, dezent und geordnet

Das sind die Schlagworte, mit denen die Expert*innen Slow Living für den Wohnbereich charakterisieren. Klare, schlichte Formen und Linien sind Merkmale dieses Lifestyles. Die Möbel sind geradlinig und die Farben eher dezent. Natürliche und qualitätvolle Materialien wie z. B. Holz, Stein oder Baumwolle sorgen für mehr Wohnlichkeit. Besonders nachhaltige Gegenstände, die langlebig sind und multifunktional genutzt werden können, werden bevorzugt. Außerdem lautet die Devise: Aufräumen und Überflüssiges aussortieren, es bleibt nur das, was ein wichtiger Teil des Lebens ist. Wie bereits gesagt: Beim Slow Living geht es darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wichtig sind auch die klar zugeordneten Funktionen der Räume, die einen harmonischen Gesamteindruck hervorrufen. Auf diese Weise kann das Zuhause zum Ruhepol zum Abschalten und Herunterkommen werden.

Malerhandwerk und Slow Living

Wir haben drei Maler*innen befragt, die sich bereits intensiv mit dem Wohlfühlen in Wohnräumen auseinandersetzen, inwiefern der Begriff Slow Living in ihrem Arbeitsalltag eine Rolle spielt. „Das, was unter dem neudeutschen Begriff Slow Living verstanden wird, entspricht eigentlich sehr genau einer gestalterischen Haltung, die meine Arbeit schon seit längerer Zeit beeinflusst. In meinen Konzeptbegründungen bezeichne ich es gerne als ‚visuelle Ruhe‘“, erklärt Eva-Maria Knoth, Farbgestalterin und Inhaberin des Malerbetriebs diefarbwerkstatt in Bad Kreuznach. „Ich versuche, Räume zu kreieren, die Gelassenheit und Ruhe ausstrahlen sowie Harmonie und Gleichklang versprühen. Eine ausführliche Beratung dazu ist elementar, um die individuellen Wünsche und Bedürfnisse meiner Kunden zu erspüren.“

Ähnliches berichtet auch Frank Kudraß, Geschäftsführer von Maler Kudraß Farbe. Fläche.Form aus Emsdetten, der den Begriff Slow Living als Grundbedürfnis beschreibt. „Möchte nicht jeder, der nach Hause kommt, zur Ruhe kommen, sich fallen lassen, sein Zuhause genießen und Kraft tanken? Ruhe, Erholung, Entschleunigung stehen im Vordergrund. Werte, die manchen vielleicht erst in den letzten Monaten der Pandemie so richtig klar geworden sind.“

Farbe, Material und Ordnung

Um für Entschleunigung in den vier Wänden des Kunden oder der Kundin zu sorgen, ist für Eva-Maria Knoth ein gutes Farb- und Materialkonzept zunächst das Wichtigste. „In Bezug auf die Farbigkeit empfehle ich in diesem Kontext Stein-, Sand und Holztöne, Farbklänge, die mit den anderen Materialien im Raum korrespondieren. Ich rate meinen Kunden, ihre Räume genau dem Zweck entsprechend, dem sie dienen, zu gestalten. Mir ist es zum Beispiel wichtig, ein aufgeräumtes Schlafzimmer zu haben, um zur Ruhe kommen zu können. Auch wenn sich das Homeoffice am Esszimmertisch nicht vermeiden lässt, sollte es gut organisiert sein und die Möglichkeit bieten, Ordnertürme und Laptop mit wenigen Handgriffen verstauen zu können.“ Auch Frank Kudraß und sein Team gestalten die Räume ihrer Kunden und Kundinnen ebenfalls in entschleunigten, hellen und warmen Grau-, Greige- und Weißtönen, um so neutrale Wandflächen zu schaffen. Sie greifen hier auf besondere, meist natürliche Pigmentfarben zurück. „Die Räume des Lifestyles Slow Living fühlen sich modern, aber nicht kühl an. Ein leicht gedeckter, neutraler Farbton bildet die Hintergrundfarbigkeit. Hier können wir mit den ‚Farbrat Wänden des Jahres‘ auf eine große Auswahl handwerklicher Oberflächentechniken zurückgreifen, um die gewünschte beruhigende Atmosphäre zu unterstützen.“

Foto: Jan Wesselmann
Helle und warme Grau-, Greige und Weißtöne sind im Slow Living Lifestyle angesagt und schaffen neutrale Wandflächen.

Wolfram Beck, Geschäftsführer des Betriebs Beck GmbH farbrat Dettingen/Stuttgart arbeitet generell mit einer reduzierten Farbpalette. „Wir nutzen 25 Weißtöne und zwischen 120 und 130 Bunttöne von kt.color – mehr brauchen wir nicht. Die Farbigkeit im Slow Living sollte dezent und schlicht sein, in einer natürlichen Sequenz, die das Auge so anspricht, dass die Farben weder laut noch bunt sind. Leise und farbige Töne funktionieren dabei auch.“ Im Interview erklärt er, warum die Akustik ein Haupthebel ist, um ein entschleunigtes Zuhause zu schaffen.

Foto: BECK GmbH farbrat Stuttgart Dettingen
Wolfram Beck, Geschäftsführer des Betriebs BECK farbrat und Vorstand des farbrats.

Inwiefern beschäftigen Sie sich mit den verschiedenen Trends und Lebenshaltungen?

Wolfram Beck: Als farbrat beschäftige ich mich intensiv mit den Trends, für mich ist es ein wesentliches Thema, damit zu arbeiten. Wir entwickeln jedes Jahr eine neue Wand und in diesem Zusammenhang erforschen wir, was Trend ist. Wir versuchen, den Zeitgeist zu scouten. Bei diesem Prozess entwickelt sich eine für uns interessante Oberfläche. Wenn ich nicht dem farbrat angehören würde, würde ich mich nur als Maler deutlich weniger damit beschäftigen und nur auf Kundenwünsche reagieren.

Was kann der Maler oder die Malerin dazu beitragen, Slow Living in die vier Wände der Kundschaft zu bringen?

W. Beck: Den mit Abstand höchsten Beitrag zur Entschleunigung bietet die Akustik. Dies ist der Haupthebel, den man sofort spürt, wenn man einen Raum betritt. In Räumen mit reduzierten Nachhallzeiten kommt man entschleunigt an. Allerdings wird die Akustik stiefmütterlich behandelt und viel zu spät erkannt. Um den Lifestyle Slow Living zu realisieren ist sie das perfekte Mittel und auf verschiedene Weise zu verwirklichen, so zum Beispiel als nicht sichtbare Lösungen an der Decke.

Wie sieht es mit der Farbe aus?

W. Beck: Hier habe ich einen übergeordneten Ansatz: Farben können laut oder leise sein. Von Farben bzw. ihrer Wirkung kann man auch enttäuscht werden, weil sie zu grell, zu übersättigt, zu laut, zu dominant usw. sind. Schon vor 20 Jahren habe ich Farben von kt.Color entdeckt, die aufgrund ihrer Bestand Bestandteile, der Pigmente, per se entschleunigt, also leise, sind.

Was heißt das genau?

W. Beck: Ich muss darauf achten, wie ich mich fühle, wenn ich den Raum betrete. Wird das Auge positiv gereizt, dann wird man beim Betreten automatisch entschleunigt. Bei zu viel Lichtreflexionen zum Beispiel wird das Auge zu sehr animiert und es ist noch nicht so in der Balance wie es sein sollte. Hier spielt die Materialität der Farbe – oder auch die Materialsprache der Farbe –, die durch Pigmente hervorgerufen wird, eine große Rolle. In Bezug auf Farbwahrnehmung haben die Menschen eine ähnliche Wahrnehmung wie sie auch Dur und Moll in der Musik auseinanderhalten können. Der Schlüssel ist die Materialsprache der Farbe. Wenn Farbe zum Material, also stofflich wird, dann erlebt man sie positiv. Bei Farben aus Konzentraten fehlt eine Sequenz.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

W. Beck: Wir haben vor einiger Zeit zwei Etagen eines Wohnhauses bearbeitet: Für die Hauptebene verwendeten wir Farben, die unter anderem Schieferpigmente, also Materialien mit Farbsprache, enthielten. Die obere Etage wurde aus Kostengründen mit Farbmaterial aus Titanweiß bearbeitet. Beide Geschosse haben eine ähnliche Farbigkeit, aber eine ganz andere Materialität. Wenn ich die Kunden heute treffe, beschreiben sie mir die unterschiedliche Farbwirkung in beiden Geschossen: Während sich im unteren Bereich die Farbe weicher anfühlt und die Lichtbrechung aufgrund des Schieferpigments schöner ist, wirkt die Farbe in der ersten Etage wesentlich distanzierter und auch kühler.

Foto: Hohenberger Tapeten
Die Slow Living Kollektion von Hohenberger Tapeten besticht durch klare Muster und Motive, die von der Natur inspiriert wurden.

Und was heißt das für den Lifestyle Slow Living?

W. Beck: Beim Slow Living muss das Wesentliche so gut sein, dass man es sofort annimmt. Es reicht nicht, nur zu minimalisieren. Wenn es gelingt, die Hülle als wichtigen Bestandteil zu sehen, der so reizt, dass man das Gefühl hat, es ist ausgewogen, kann ich als Maler einen wesentlichen Beitrag zum Slow Living leisten. Wenn ich dieses Wissen nicht hätte, würde ich mich schwertun, in Bezug auf Slow Living überhaupt eine Aussage zu treffen.

Ist dieser Ansatz unter Ihren Kolleginnen und Kollegen bekannt?

W. Beck: Ich erlebe häufig, dass Kollegen keine Aussage treffen, was Farbe und Entschleunigung sowie Farbe und Wirkung in der Architektur betrifft. Dieser Aspekt wird weder in der Schule noch in der Hochschule gelehrt. Und deshalb können viele Handwerker den Wünschen der Kunden nicht so folgen, wie der Kunde es erwartet. Kunden haben viel mehr Vorinformationen aufgrund von Internetrecherchen, sodass ihre Erwartungshaltung steigt. Bekommt er nicht die Beratung, die er eigentlich erwartet, ist er enttäuscht. Ich glaube, dem Handwerker fehlt manchmal der Blick aus dem Ganzen heraus, er schaut viel zu selektiv. Hier gibt es noch viel zu beachten.

Noch einmal zusammengefasst zum Thema Slow Living: Welche Aspekte sollte der Maler oder die Malerin berücksichtigen?

W. Beck: Mit der Einbeziehung von Akustik, der Materialsprache der Farbe – wie reizt mich mein Auge –, einem Gespür für Raum und Wirkung von Farbe – macht sie z. B. einen Raum weiter oder enger? – beweist man als Maler eine hohe Kompetenz. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kunden diesen Ansatz gut nachvollziehen können. Vermutlich liegt es daran, dass es nichts Verkäuferisches ist, sondern etwas inhaltlich und fundiert Richtiges.

Auf Natürlichkeit und Nachhaltigkeit achten

Auch in Bezug auf die im Slow Living bedeutenden Schlagworte wie Natürlichkeit und Nachhaltig kann der Maler oder die Malerin viel bieten: „Wir gestalten ganz viel mit Lehm und Kalk. Hier setzen wir auf deutsche Produzenten und kurze Wege. Außerdem arbeiten wir mit wertigen Produkten und zeitlosen Designs. Nachhaltigkeit ist mir sehr wichtig“, erläutert Eva-Maria Knoth und fährt fort: „Was mir bei unserer Arbeit am meisten Sorgen bereitet, ist, dass wir relativ viel Müll produzieren. Wir versuchen, dem entgegenzuwirken, indem wir, soweit möglich, Arbeitsmaterial wiederverwenden. Mit einer effektiven und ökologisch sinnvollen Projektplanung versuchen wir, Ressourcen zu schonen.“

Auch Wolfram Beck nutzt viele natürliche Produkte, darunter mineralische Putze, die bei der gehobenen Klientel schon Standard sind. Oft verarbeitet er ebenfalls fugenlose Kalkböden, die perfekt zum Slow Living passen. Für Frank Kudraß ist nachhaltiges Material sehr wichtig, auch um ein gesundes Raumklima zu schaffen.

Das Wesentliche in den Fokus nehmen

„Die Reduzierung auf das Wesentliche, auf die im Slow Living so viel Wert gelegt wird, ist ja für jeden von uns etwas ganz Eigenes. Es geht uns als Gestalter darum, herauszufinden, was für unseren Kunden das Wesentliche ist. Selbst wenn das Wohnzimmer komplett umgestaltet werden soll, rate ich gerne dazu, sich nicht von allem zu trennen, sondern vielleicht Großmutters Kommode in die neue Gestaltung zu integrieren. Es schenkt Sicherheit und Wohlbefinden, sich mit Dingen zu umgeben, in denen Erinnerungen stecken, die positive Gefühle wecken. Daraus kann ein durchaus attraktiver Stilmix entstehen“, erklärt Eva-Maria Knoth. Frank Kudraß fügt diesem Punkt eine andere Herangehensweise hinzu und nennt die Möglichkeit der Möbelbeschichtung. Wird lediglich Stauraum benötigt, werden Möbeloberflächen mit der gleichen Wandtechnik versehen und tragen so zu einem ruhigen Gesamteindruck bei. Oder die Akzentwand mit dem davorhängenden Sideboard wird zum Blickfang, in gleicher Materialität und Farbigkeit. „Wir besprechen dies mit dem Tischler und streichen, bespachteln, lasieren oder tapezieren das Möbelstück. Mit beiden Herangehensweisen ist es möglich, das Wesentliche in den Fokus zu rücken.“

Es geht uns als Gestalter darum, herauszufinden, was für unseren Kunden das Wesentliche ist.

Eva-Maria Knoth, die farbwerkstatt, Bad Kreuznach

Trends und Lifestyles sollten bekannt sein

Um diese Beratung adäquat leisten zu können, ist es von Bedeutung, einen Überblick über die Lifestyles und Trends zu haben. Eva-Maria Knoth erläutert dies genauer: „Grundsätzlich ist das Wohnen für viele Menschen Ausdruck ihrer Lebenseinstellung. Es ist natürlich von Vorteil, wenn man als Gestalter vor allem die langlebigen Megatrends im Hinterkopf hat, so weiß man, was die Menschen beschäftigt und man kann sie individuell und nachhaltig beraten.“ Das bestätigt Frank Kudraß, der auch Mitglied des farbrats ist: „Es ist sinnvoll, etwas von den Trends gehört zu haben. Wir nehmen die aktuellen Trends auf, indem wir auf Messen, wie etwa die Kölner Möbelmesse, fahren. Wir schauen, wohin die Entwicklung bei Farben, Formen und Materialien geht. Die Möbelindustrie ist hier der Vorreiter, wir schaffen für die Raumausstattung den Rahmen. Dabei legen wir Wert darauf, dass dieser von uns geschaffene Rahmen mindestens eine Dauer von zehn Jahren übersteht, denn in der Privatwirtschaft liegen die Intervalle immer zwischen sechs und zehn Jahren.“

Mit Wissen entschleunigte Räume kreieren

Sind Maler*innen mit Trends und Lifestyles wie dem Slow Living vertraut, haben sie den Blick fürs große Ganze und können ihre Kundinnen und Kunden aus einem erweiterten Blickwinkel heraus beraten. Die meisten Menschen wünschen sich ein Zuhause, in dem sie zur Ruhe kommen können. Der Lifestyle Slow Living bietet also für Malerinnen und Maler eine Chance – meist im gehobenen Segment – mit hochwertigen, nachhaltigen Materialien ein reduziertes und gleichzeitig harmonisches Umfeld zu gestalten. Mit diesem Wissen können die Maler*innen die Bedürfnisse ihrer Kund*innen, die ihnen vielleicht selbst noch gar nicht bewusst sind, einordnen, entsprechend bedienen oder auch ergänzen – genauso wie es unsere drei befragten Maler*innen bereits in ihrem Arbeitsalltag praktizieren.

Dr. Alexandra Nyseth

Wenn der Chef ausfällt …
So schrecklich es ist: Bei einem Unfall oder längeren Ausfall oder gar Tod eines Unternehmers geht es darum, den Betrieb am Laufen zu halten. Rechtzeitige Vorsorge ist geboten – und möglich. Lesen Sie, was Sie tun müssen. Malermeister Max Mustermann sitzt sicher und stolz auf seinem Fahrrad, den warmen Wind in den Haaren und den Takt von Boogie-Woogie im Ohr, als ihn ein schwarzer Mercedes brutal von der Seite rammt. Max Mustermann wird durch die Luft geschleudert, mit einem dumpfen Schlag kommt er auf dem Bürgersteig auf, liegt dort schwer verletzt und unter Schock. »Das wird wieder. Sie müssen allerdings viel Zeit mitbringen«, versucht ihn ein mitfühlender Arzt im Krankenhaus zu trösten. Die brutale Konsequenz: Malermeister Max Mustermann kann die nächsten Monate keine Kunden besuchen, keine Angebote schreiben, keine Baustellen überwachen und auch sonst nichts tun. Max Mustermann kann die nächsten Monate noch nicht einmal sprechen oder sich bewegen – zu schwer hat er sich an Kopf und Wirbelsäule verletzt. Abgesehen von der schrecklichen persönlichen Tragödie: sein Schicksal hebt auch die Welt seines Betriebs und seiner Mitarbeiter aus den Angeln. Auf einmal muss ganz schnell ganz dringend jemand gefunden werden, der ihn für lange Zeit würdig vertreten kann. [ttt-gallery-image] Warum eine Planung für den Ausfall des Chefs wichtig ist Nach einer Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) stehen jährlich etwa 24.000 kleine und mittelständische Unternehmen wegen Unfall, Krankheit oder Tod plötzlich ohne Chef da. Nicht für den Notfall zu planen ist verständlich, denn natürlich denkt niemand gern an den Fall der Fälle. Betriebswirtschaftlich gesehen ist das aber ein Fehler. Denn will der Malerbetrieb überleben, muss sich die Welt für ihn weiter drehen. Und dafür muss sie jemand IMMer wieder gekonnt anstubsen. Wenn zum Beispiel nicht einmal Stundenlöhne oder Lieferantenrechnungen ausbezahlt werden können, sieht die Zukunft des Unternehmens schnell schwarz aus. Das bedeutet: Die Frage der Nachfolge oder zumindest eines Stellvertreters muss bereits beantwortet sein, bevor der Betriebsinhaber plötzlich für längere Zeit oder gar für IMMer ausfällt. Stellvertreter müssen handeln können »So früh wie möglich« solle man einen Stellvertreter aufbauen, rät deshalb Rechtsanwalt und Dipl. Betriebswirt (FH) Klaus Angerer, spezialisiert auf die Unternehmens- und Vermögensnachfolge. Was gehört zum »Nachfolger aufbauen« dazu? Klaus Angerer erklärt: »Ein potentieller Nachfolger oder Stellvertreter sollte sich wenigstens in einem Teilbereich schon als Führungskraft bewährt haben und auch bei der Hausbank und Lieferanten bekannt sein.« In kleineren Betrieben kommt hier häufig einem mitarbeitenden Ehegatten eine wichtige Rolle zu, unterstützt durch einen bewährten Mitarbeiter. Wichtig sind Bankvollmachten und eine Vermögenssorgevollmacht, die über den Tod jeweils hinausreicht. Die Erteilung einer Handlungsvollmacht oder Prokura ist weniger umfassend als die Vermögenssorgevollmacht, aber besser als nichts. Problem Informationsweitergabe Klaus Angerer weiß aus Erfahrung: Zum Problem für einen nahen Angehörigen oder einen Notgeschäftsführer in kleineren Betrieben wird oft, dass es eine Unternehmenssteuerung nach Zielen und Zahlen ebenso wenig gibt wie einen monatlichen Soll-Ist-Vergleich oder auch ein innerbetriebliches Informationssystem – also Kunden- und Lieferantendatei, Kalkulationsvorgaben, Auftragsbegleitblatt usw. Dann muss sich der Stellvertreter mühsam alle Informationen zusammensuchen, die ihm z. B. verraten, wie es um den Betrieb wirtschaftlich bestellt ist, zu welchen Konditionen zuletzt wo bestellt wurde oder wie er werben soll. Helfen kann zumindest eine Checkliste zum Auffinden wichtiger Unterlagen, auch von so banalen Dingen wie Passwörtern oder Schlüsseln. Problem Erbfolge Doch selbst wenn der Stellvertreter oder Nachfolger im Todesfall des Inhabers die Geschäftsführung übernehmen kann, steht noch nicht fest, dass er auch übernehmen darf.  »Ohne ein qualifiziertes Unternehmertestament gilt die gesetzliche Erbfolge mit nicht selten fatalen Folgen«, weiß Klaus Angerer. Er hat schon erlebt, dass Betriebe daran zugrunde gegangen sind. »Nichts ist schlIMMer, als wenn sich Unkundige um die Kuchenstücke streiten und der Betrieb zerschlagen werden muss.« Ein Unternehmer-Testament sei auch in einer noch nicht endgültigen Fassung meist besser als die gesetzliche Erbfolge. Die gegenseitige Einsetzung von Ehegatten – ein sog. Berliner Testament  - ergibt durchaus Sinn, wenn der länger Lebende den Betrieb fortführen soll, bis klar ist, wer aus dem Kreis der Familie oder Mitarbeiter nachfolgt – oder ob doch an einen Fremden verkauft werden muss. Das Berliner Testament kann sich zum Nachteil entwickeln, wenn es nicht an veränderte Umstände angeglichen wird, z. B. wegen erwachsener Kinder. Erbschaftsteuerlich ungünstig ist, dass ein und dasselbe Vermögen zwei gesonderten steuerlichen Vorgängen unterliegt, und zwar einmal beim überlebenden Ehegatten und dann bei den letztendlich erbenden Kindern. Diese bekommen zum Vermögen des Erstverstorbenen auch noch das Vermögen des zweitverstorbenen Elternteils. Und zwar in einem Betrag, was auch noch zu einer erhöhten Progressionsstufe beim Erbschaftsteuersatz führt. Und: Indem die nachfolgenden Kinder nur vom zuletzt verstorbenen Elternteil erben, verlieren sie auch noch den Erbschaftsteuerfreibetrag von 400.000 Euro gegenüber dem erst verstorbenen Elternteil. Außerdem entstehen schon beim ersten Erbgang Pflichtteilsansprüche. Alle wünschen sich und der Familie Gesundheit und ein langes Leben. Aber es ist unverantwortlich, den irgendwann unvermeidlichen Tod zu ignorieren. Auf lange Sicht gefährdet nichts so sehr die Zukunft eines Betriebs als eine in allen Bereichen gelebte »Das Unternehmen bin ich«-Einstellung.
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Foto: manuta/Adobe Stock
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