Folgen Sie uns
23. August 2023
Redaktion
Farbgestaltung im Gesundheitswesen

Eine tolle Perspektive fürs Malerhandwerk

Farbige Gestaltung im Gesundheitswesen kann einen positiven Einfluss haben – das ist bekannt. Eine Studie liefert den Beweis, jedoch präsentieren sich viele Gesundheitseinrichtungen immer noch ganz in weiß. Eine Chance für Malerinnen und Maler! Zwei Maler und ein Farbforscher berichten aus Praxis und Forschung.
Foto: Thorsten Schneider/VIELBAUCH.de
Der Farbton „Wild Wonder“ in dieser von Dietmar Ahle gestalteten Augenarztpraxis soll Optimismus vermitteln.

Malerinnen und Maler kennen sich gut mit den technischen Anforderungen der Farben aus und auch die allgemein gültige Wirkung von Farben ist ihnen bekannt. Darüber gibt es einige Veröffentlichungen. Wenn es um Gesundheitseinrichtungen geht, wird das Ganze schon komplizierter, denn dort hat Farbe auch eine therapeutische Funktion. Diese Farbgestaltungskonzepte basieren auch auf den Erkenntnissen der wahrnehmungsorientierten Farbpsychologie.

Forschungsprojekt als Anstoß

Seit zehn Jahren beschäftigt sich Prof. Dr. Axel Buether, Leiter des Instituts für Farbpsychologie und Professor für Visuelle Kommunikation an der Bergischen Universität Wuppertal damit, wie Farbe und Licht auf Menschen wirken. Eine seiner wegweisenden Studie ist die sogenannte „Heliosstudie“: Für die Intensivstation im Helios Universitätsklinikum in Wuppertal entwickelte er 2019 ein Farbkonzept, welches den geistigen Zustand von Intensiv-Patienten verbessern sollte. Heute präsentieren sich die Räume des Klinikums im warmen Licht und Wohlfühlfarben bieten eine angenehme Atmosphäre.

Diese Heliosstudie belegt die Wirksamkeit der psychologischen Umweltfaktoren Farbe und Licht auf das Wohlbefinden und die Zufriedenheit des Menschen, der dort behandelt wird, und des Pflegepersonals. Die Auswertung ergab, dass der Medikamentenverbrauch der Neuroleptika nach der farblichen Neugestaltung um durchschnittlich 30 Prozent sank. Das Gefühl der Privatheit, der Geschütztheit und Geborgenheit, verbesserte sich bei den Patienten um etwa 55 Prozent. Außerdem gab das Personal an, es könne sich in den Pausen viel besser erholen und ein Drittel des Personals sei nach der Renovierung weniger krank. „Mittlerweile arbeiten wir an zehn Helioskliniken in Deutschland und Österreich, insgesamt ist eine Umgestaltung von 100 Kliniken bei Helios geplant“, erklärt Buether.

Foto: Axel Buether
Nach der farblichen Gestaltung (r.) fühlen sich Patientinnen und Patienten in den Zimmern der Heliosklinik in Wuppertal geschützter und geborgener im Vergleich zu den tristen weißen Zimmern vorher (l.).

Neue Möglichkeiten für Maler und Malerinnen

Für Prof. Dr. Buether bietet die Studie den Beweis, wie wichtig es ist, ein Farbkonzept zu entwickeln. „Das bedeutet eine Aufwertung für das Malerhandwerk. Auf diese Weise wird dessen Kernkompetenz – nämlich die Gestaltung von Räumen – wieder in den Vordergrund gerückt.“

Die Farbberatung steht auch bei Dietmar Ahle, Geschäftsführer des gleichnamigen Malerbetriebs aus Paderborn, im Fokus. In seinem Farbberatungsgeschäft STILSICHER berät er sehr erfolgreich seine Kundinnen und Kunden. Ahle beschäftigt sich bereits seit über zehn Jahren mit der Farbgestaltung im Gesundheitswesen. Insbesondere während der Pandemie hat er mit seinem Team mehr in Praxen gearbeitet. Insgesamt nimmt dieser Bereich etwa zehn Prozent seiner gesamten Arbeit ein und er bearbeitet etwa fünf bis sieben Aufträge pro Jahr.

Über die von Dietmar Ahle gegründete Handwerkerkooperation Pader-Haus, die aus zehn unterschiedlichen Handwerksgewerken besteht, erhält seine Firma auch Zugang zum Gesundheitsbereich und zu Arztpraxen. Außerdem ist er in weiteren Netzwerken aktiv, stellt dort Farbberatungen vor und macht auf die Wichtigkeit des Themas aufmerksam. „Ich arbeite ebenfalls mit einem Raumausstatter zusammen, auch dadurch bekommen wir neue Aufträge. Außerdem hat es sich als lukrativ erwiesen, in von uns gestalteten Arztpraxen ein dezentes Schild mit Kontaktdaten unserer Firma zu platzieren.“

Foto: Thorsten Schneider/VIELBAUCH.de
Der „Vanille“-Ton in dieser von Dietmar Ahle gestalteten Zahnarztpraxis soll aufmuntern und eine natürliche blumige Atmosphäre schaffen.

Mit Feingefühl zum Farbton

In Vorgesprächen fragt er die Bedürfnisse und die Ausrichtung der Einrichtung ab. Dabei hilft ihm auch das Buch „Farben der Gesundheit“ von Prof. Axel Venn, mit dem er jahrelang zusammengearbeitet hat. So gestaltete Ahle eine Zahnarztpraxis mit „lindernden“ Farben wie grün, blau oder orange oder mit „schmerzfreien“ Tönen“ wie gelb oder lindgrün. Heute bildet sich Dietmar Ahle mit Fachzeitschriften fort und schöpft seine Ideen aus der Natur: „Als Maler muss ich mich ständig mit diesem Thema beschäftigen, viel lesen und viel offener durch die Welt gehen.“

Die Farbgestaltung in Gesundheitseinrichtungen entpuppt sich als großer Markt für den Maler, denn viele Praxen und Krankenhäuser sind noch in Weiß gehalten.

Dietmar Ahle
Geschäftsführer Ahle GmbH

Für mehr Zuversicht

Mit Einfühlungsvermögen nähert sich auch der diplomierte Malermeister Markus Keller, Geschäftsführer der Malerhandwerk Keller AG aus St. Gallen in der Schweiz, seinen Aufträgen aus dem Gesundheitsbereich. Im Vordergrund steht bei ihm der Patient und es liegt ihm am Herzen, die Bedingungen für die Patienten zu verbessern, sodass sie mehr Zuversicht verspüren und schneller wieder gesunden. „Obwohl ich kein Psychologe bin, habe ich mich eingehend mit der psychologischen Wirkung der Farben auf autodidaktische Wege befasst.“

Die Farbgestaltung im Tumorzentrum St. Gallen war sehr herausfordernd. „Ich schaute mir vorher die Raumsituation an und ließ mir die verschiedenen Funktionen der Räume – wie Blutabnahme, Gesprächs-, Aufenthalts-, Warte- und Chemotherapieräume erklären.“ Sein Farbkonzept war naturverbunden, so finden sich organische Formen in den Tapeten. Die Chemotherapieräume waren unter Bezugnahme des Ausblickes zum See in hellblauen Tönen gehalten. Zu vermeiden war ein Grünton, da er laut der Ärzte Übelkeit hervorrufe. Die Besprechungsräume präsentieren sich in einem blassen Altrosa, was Weichheit und Lebensfreude und durch Gelbpigmente eine warme und freundliche Ausstrahlung vermittelt. Die Aufenthaltsräume bilden mit ihren dunkelblauen Wänden einen Kontrast, um auch in den Pausen abschalten zu können.

Zeitintensive individuelle Umsetzung

Nach Ansicht von Markus Keller sei es schwierig, in Gesundheitseinrichtungen eine Farbgestaltung lehrbuchmäßig umzusetzen. Es sei wichtig, auf die jeweiligen Bedürfnisse und Umstände der Patienten und es Personals einzugehen. „Ich kann nicht einfach eine Farbe aussuchen, die psychologisch gut ist, die aber gar nicht zum Raum passt. Dafür braucht es Zeit und gleichzeitig auch Erfahrung.“ Die Rückmeldungen und Spontanreaktionen von Ärzten und Patienten waren durchweg positiv. Die Firma darf sich zusätzlich über die Auszeichnung MALER DES JAHRES 2023 freuen, die sie mit diesem Projekt in der Kategorie „Gestaltungskonzept gewerblich/öffentlich“ erhalten hat.

Es gibt viel zu tun

Die Farbgestaltung in Gesundheitseinrichtungen entpuppt sich als großer Markt für das Malerhandwerk. Dietmar Ahle plant in seinem Farbberatungsladen Innenarchitektinnen und -architekten einzuladen, um ihnen die Wichtigkeit von Farben im Gesundheitswesen zu verdeutlichen. „Im Studium haben sie nicht sehr viel über Farben gelernt, da haben wir Maler ihnen einiges voraus.“ Markus Keller will neue Wege beschreiten, die weg von der farblichen Uniformierung hin zu individueller und variabler Farbgestaltung führen.

Die Studien von Prof. Dr. Buether haben die positiven Auswirkungen einer ausgewogenen farblichen Gestaltung auf Patienten und Pflegepersonal belegt – ein überzeugendes Argument für Malerinnen und Maler bei der Beratung ihrer Kundschaft.

Dr. Alexandra Nyseth

Foto: manuta/Adobe Stock
Zurück
Speichern
Nach oben