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17. Januar 2024
Delia Constanze Roscher
#professionincolor

Die Gourmet-Küche der Farben

Nicht rosarot, aber doch sehr bunt: Eine Idee, einen Traum ‒ das haben sie alle gemeinsam, die eine eigene Firma gründen. Es braucht viel Willensstärke, denn der Weg in die Selbstständigkeit ist nicht vorgezeichnet und durchaus holprig. Wir haben mit spannenden Frauen gesprochen, die sich aufgemacht haben und heute erfolgreiche Unternehmerinnen sind.
Foto: kt.COLOR
„Farbe wird oftmals nur als Messwert angesehen, dabei steht die Sinnlichkeit der Farbe im Vordergrund“, sagt Katrin Trautwein, Gründerin und Geschäftsführerin von kt.COLOR.

„Sie müssen sich kt.COLOR als ein Gourmetrestaurant vorstellen“, sagt Katrin Trautwein im Interview zu mir, als ich sie über ihre Arbeit befrage. Wobei das Wort Arbeit wohl der falsche Ausdruck ist. Katrin Trautwein hat Farben ihr Leben gewidmet. kt.COLOR ist ihr Gourmet- Restaurant und Katrin Trautwein ist die Spitzenköchin. Ihre „Tomatensauce“ besteht nicht aus einer Dose Tomatensaft und etwas Wasser, sondern aus dem ursprünglichen aller Geschmäcker ‒ der Ursubstanz selbst: einer saftigen, roten und sonnengereiften Tomate.

Die Farbmanufaktur kt.COLOR mit Hauptsitz in der Schweiz hat sich darauf spezialisiert, Farben aus natürlichen Pigmenten herzustellen. Die promovierte Chemikerin erforscht Farben und deren Wirkung seit Ende der 1990er Jahren. Vor über 20 Jahren gründete sie kt.COLOR. Zur damaligen Zeit ein Unding. „Man gründet nicht einfach eine Farbmanufaktur und bringt sich auf den Markt“, erzählt Katrin Trautwein. Schnell wurden Wetten abgeschlossen, wie lange sich kt.COLOR halten kann.

Die Zutat „Farbe“

Foto: kt.COLOR
Ultramarinblau und Lapislazuli wirken formauflösend und fast unendlich.

Vieles, dass „man nicht tut“ hat Katrin Trautwein dennoch getan. Und vieles erreichte sie gerade deshalb, weil sie eine Frau ist. Um kt.COLOR zu gründen, nahm sie bei einem Wettbewerb teil, der nur an Frauen gerichtet war, die sich selbstständig machen wollten. „Ich war damals die einzige Frau, die blauäugig genug war, in der Schweiz etwas produzieren zu wollen. Alle anderen Frauen wollten in die Dienstleistung gehen.“ Susanne Hürlimann-Schmidheiny, die Initiatorin des Wettbewerbs und selbst Unternehmerin, war beeindruckt und überzeugt von Trautweins Vision der Farbmanufaktur. Nach dem Einstieg in den Markt bemerkte sie, dass die Branche Farben nur als Messwert ansah. „Wir aber begannen, wie Köche die Zutaten zu mischen und neuartige Kreationen herzustellen. Das war ein völlig neuer Zugang zur Farbe.“

Im Jahr 2000 trat kt.COLOR offiziell mit der ersten Farb-Serie mit Le Corbusier-Schriftzug in den Markt ein. Katrin Trautwein erforschte zu der Zeit die Farben des schweizerischen-französischen Architekten und entwickelte Rezepturen zur Reproduktion seiner besonderen Farben. Die damalige Direktorin der Le-Corbusier-Stiftung, Evelyne Tréhin, verliebte sich auf Anhieb in Katrin Trautweins Ultramarin-Rezeptur ‒ die bestand aus echtem Ultramarin. So erhielt kt.COLOR für zehn Jahre die Rechte zur exklusiven Nutzung des Le Corbusier-Schriftzuges.

Das Interesse der Medien war groß ‒ an Le Corbusier. „Das erschwerte uns das Marketing, weil wir inhaltlich argumentieren wollten und nicht mit der Verpackung, aber ein Schriftzug ist nun mal die Verpackung.“ Das sei bis heute die Herausforderung: Wie thematisiert man Unterschiede, ohne dass eine Abwertung stattfindet ‒ nur Farbe, nur Frau, nur Dekoration. „Bei Farben ist es so naheliegend zu sagen: das ist nur Oberfläche.“ Aber Farbe ist ein Material und das Material verändert sich an der Wand je nach Lichteinfall. Orange ist keine Abstraktion, sondern entsteht aus einer Erde, einem petrochemischen oder mineralischen Pigment. Katrin Trautwein will die Sprache der Farbe den Menschen wieder näherbringen. „Auch Malerinnen und Maler müssen wieder lernen, dass Grau nicht mit Schwarz gemacht wird.“ So könne dem Handwerk auch ein stückweit der Berufsstolz zurückgebracht werden. „Das Material ist das wertvollste und sichtbarste am Bau und der Handwerker oder die Handwerkerin ist die Hand, die die Architektur macht.“ Sie könne nachvollziehen, dass unter dem heutigen Preisdruck Malerinnen und Maler gezwungen werden, billige Lösungen anzubieten. „Aber mit einem hochqualitativen Farbmaterial werten wir das malende Handwerk wieder auf. Farbe ist so kostbar, wie das Holz des Schreiners.“

Der Kampf gegen Windmühlen geht weiter

Foto: kt.COLOR
Das Team von kt.COLOR.

Katrin Trautwein betont, dass ihre Sichtweise auf Farben kein „Frauenkitsch“ oder Esoterik sei, auch wenn sie sehr oft den sinnlichen Aspekt der Farben in den Vordergrund stellt. „Als Frau kann ich die sinnliche, weibliche Seite der Farbe einbringen. Als Wissenschaftlerin kann ich mit harten Fakten kontern.“ Dennoch war ‒ und ist es heute immer noch ‒ nicht leicht, als Frau in ihrer Stellung. „Ich bekomme noch heute Post die an ‚Herrn‘ Dr. Trautwein adressiert ist.“ Als Frau muss man besser sein, sagt Katrin Trautwein. Ich frage sie, inwiefern sie das verändert hat. „Ich bin mit den Jahren klüger geworden und habe gelernt, mich nicht mehr für alles zu rechtfertigen. Der Kampf als Frau gegen Windmühlen benötigt aber noch ein paar Generationen, bis eine gewisse Selbstverständlichkeit vorherrscht.“

Was sie mit kt.COLOR für die Zukunft noch geplant hat, möchte ich von Katrin Trautwein zum Schluss wissen. „Es gibt immer die Möglichkeit, die „Tomatensauce“ noch besser, noch aromatischer zu machen“, erklärt sie mir. „Farben sind so spannend und man kann immer etwas fantastisches herauskitzeln. Das bringt mir und meinem Team die größte Freude.“

Foto: manuta/Adobe Stock
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